Gelegentlich veröffentlichen Finanzmarktteilnehmer Listen ihrer wichtigsten Anlagethemen. Viele davon geraten dann inmitten von "unvorhergesehenen" Überraschungen in Vergessenheit. Nehmen wir den Zusammenbruch einer gewissen Bank aus dem Silicon Valley, von der vor ein paar Wochen nur wenige außerhalb der Start-up-Welt gehört hatten.
Natürlich kann man die Zukunft nicht vorhersehen. Dies liegt unter anderem daran, dass zu jedem Zeitpunkt verschiedene Zukunftspfade möglich sind[1]. Aber man kann sich auf mögliche Szenarien vorbereiten und versuchen Wirkungsmechanismen hinter möglichen Entwicklungen zu verstehen. Ein solches Vorgehen erfordert Disziplin und Demut. Wenn es an den Märkten gut läuft, ist es leicht, zu den Gewinnern zu gehören. Aber wie ein altes Sprichwort besagt: "Wer nach einigen Runden Pokerspiels immer noch nicht rausgefunden hat, wer der schwächste Spieler am Tisch ist, ist es wohl selbst"[2].
Jeder Anleger geht mitunter Risiken ein, die sich im Nachhinein als ungerechtfertigt herausstellen. Der entscheidende Punkt ist, daraus zu lernen. Nehmen wir noch einmal die jüngsten Marktturbulenzen. Wie so oft hatten Probleme eines Segments – in diesem Fall mittelgroße US-Banken – weitreichende Auswirkungen, bis hin zur Übernahme einer ehrwürdigen Schweizer Bank. Die direkten Ursachen und Folgen mögen schwer vorhersehbar gewesen sein, nicht jedoch die Mechanismen dahinter[3].
Für jeden Vermögensverwalter ist es entscheidend, die Prognosegenauigkeit im Auge zu behalten und aus Fehlern zu lernen. In dieser Hinsicht kann eine Top-10-Liste von Themen vorteilhaft sein. Gerade aus überraschenden Ereignissen lässt sich viel dazuzulernen. Wie der Psychologe Daniel Kahnemann zu sagen pflegt: "Unsere tröstende Überzeugung, dass die Welt einen Sinn hat, ruht auf einem sicheren Fundament: unserer fast unbegrenzten Fähigkeit, unser Unwissen zu ignorieren"[4]. Thematische Vorhersagen zu treffen und die Vorhersagegenauigkeit zu verfolgen, kann eine nützliche Methode sein, um dieses scheinbar sichere, aber gefährliche Fundament zu testen.
In diesem Sinne enthält dieses CIO Spezial fünf Beiträge, die Marktsegmente hervorheben. Darunter sind drei, die wir derzeit für besonders attraktiv halten (europäische Hochzinsanleihen, europäische Small- und Midcap-Aktien, Aktien aus Schwellenländern) und zwei, die wir derzeit besonders genau beobachten (globale Infrastruktur und Immobilien). Die verbleibenden fünf Themen sind ein Potpourri grundlegender Trends, die das Investitionsgeschehen in den kommenden Jahren neu gestalten könnten. Wir befassen uns mit der Energiewende und der digitalen Transformation in Europa und der daraus wahrscheinlich resultierenden Verschiebung der Wirtschaftsgeografie des Kontinents. Sowie mit künstlicher Intelligenz, einem besseren Verständnis der Japanisierung und der Zukunft der Globalisierung. In Bezug auf das Bankwesen und die Weltwirtschaft sind wir weiterhin der Meinung, dass eine Verschärfung der finanziellen Bedingungen genau das Richtige ist. Die jüngsten Turbulenzen werden Banker und Investoren dazu veranlassen, verspätet Maßnahmen zur Milderung eingegangener Risiken zu ergreifen, allerdings mit wahrscheinlich begrenzten makroökonomischen Folgen.