This website uses cookies in order to improve user experience. If you close this box or continue browsing, we will assume that you are happy with this. For more information about the cookies we use or to find out how you can disable cookies, see our Cookies Notice.

Schulden – Fluch oder Segen?

Die Rufe nach schuldenfinanzierten Ausgabenprogrammen nehmen zu. Erhöhen neue Schulden das Wachstumstempo oder bremsen sie längerfristig die Wirtschaft aus?

Das Wachstum ist moderat, die Inflationserwartung niedrig – und dies, obwohl die Notenbanken eine ultralockere Geldpolitik betreiben. Entsprechend nehmen die Forderungen nach kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen zu. Die Warner melden sich ebenfalls zu Wort. Sie verweisen auf die Ökonomen Carmen Reinhart, Vincent Reinhart und Kenneth Rogoff. Diese berechneten, dass eine Staatsschuldenquote von mehr als 90 Prozent am Bruttoinlandsprodukt (BIP) zu einer Reduktion des Wachstums führt.1

Thomas Herndon, Michael Ash und Robert Pollin fanden in dieser Untersuchung Mängel und bezweifeln daher die Marke von 90 Prozent.2 Bezweifelt werden muss zudem, ob der Blick auf die staatlichen Schulden ausreichend ist. Begründet wird dies damit, dass der Staat eher Schulden für Konsumausgaben aufnimmt, die Einmal-Effekte hervorrufen – also nicht zu längerfristig positivem Wachstum führen. Das ruft langfristig eher negative Effekte hervor.

Ein Staat kann aber auch Investitionen in Infrastruktur und Bildung tätigen und damit die Basis für Unternehmen verbessern. Das lässt das Wachstum und damit die Steuereinnahmen dauerhaft ansteigen. Was für den Staat gilt, gilt auch für den Privatsektor. Dieser kann ebenfalls auf Pump konsumieren. Zudem bewirken schuldenfinanzierte Investitionen der Unternehmen nicht immer ein höheres Wachstum. Werden die Gelder fehlinvestiert, bleiben die Wachstumseffekte aus.

Ursache und Wirkung

Dass der Blick auf die Staatschulden zu eng ist, zeigt ein Rückblick auf die 30er-Jahre in den USA. Die hohe Verschuldung des Privatsektors war damals hauptverantwortlich für die hohe Gesamtschuldenquote. Häufig wird argumentiert, dass die damals hohe Gesamtschuldenquote ein Grund für die Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1933 war. Tatsächlich fand aber ein Großteil des Anstiegs der Schuldenquoten nach dem Ausbruch der Krise statt – der kräftige Sprung nach oben wurde also durch den Einbruch des nominalen BIP verursacht.

Doch auch der Blick auf die Schulden in Relation zum BIP ist nur bedingt aussagekräftig. Wichtig ist, dass die Verschuldungsquote auch in Relation zum BIP pro Kopf gesetzt wird. Schließlich steigt mit steigendem Wohlstand auch die Fähigkeit der Wirtschaftssubjekte, höhere Schulden in Relation zum BIP zu tragen. Umgekehrt gilt: Liegt das BIP pro Kopf in einem Land nur wenig über dem Existenzminimum, ist aufgrund des geringen Wohlstands die Sparquote als auch die Schuldentragfähigkeit gering.

Der Blick auf die Entwicklung der Schuldenquote in Relation zum Wohlstand – also zum realen BIP pro Kopf – in den USA lohnt. Danach lag die 1928 die Schuldenquote gemessen am Wohlstand weit über dem langfristigen historischen Mittelwert. Dies deutet darauf hin, dass sich die US-Wirtschaft aufgrund dieser Relation in einem etwas instabilen Zustand befand. Träge Reaktionen auf der geldpolitischen und fiskalpolitischen Seite sorgten dafür, dass sich der 1929er-Börsencrash in New York zu einer Weltwirtschaftskrise auswuchs.

Indikator für die Schuldentragfähigkeit

Erst mit dem New Deal ab 1933, also einer Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen und der Hinwendung zu einer expansiven Geldpolitik, begann der Abstieg der Gesamtschuldenquote in Relation zum Wohlstand. Der 2. Weltkrieg zwang die US-Regierung zu einem gewaltigen staatlichen Ausgabenprogramm, was die Gesamtschuldenquote sowie die Gesamtschuldenquote in Relation zum Wohlstand weiter schrumpfen ließ. Dabei half auch, dass von 1942 bis 1951 per Gesetz die Zinsen auf niedrigem Niveau fixiert wurden. Ab Mitte der 80er-Jahre ist zwar die Schuldenquote angestiegen, doch der Indikator für die Schuldentragfähigkeit konnte dank des Wohlstandzuwaches pro Kopf unter leichten Schwankungen auf niedrigem Niveau verharren.

Diese Entwicklung lässt vermuten, dass die Angst vor längerfristig wachstumshemmenden Folgen höherer Schulden in den USA eher übertrieben ist. Dies gilt wohl auch für weitere Länder wie Großbritannien oder Deutschland, in denen ebenfalls die Relation von Schuldenquote zu BIP pro Kopf geringer ist. Spielraum für fiskalische Impulse ist damit sicherlich vorhanden. Er sollte allerdings nicht schnell verspielt, sondern vorsichtig und effizient genutzt werden.

US-Schuldenquote auf hohem Niveau

1928 lagen die Schulden in Relation zum BIP recht hoch. Der Anstieg ab 1930 war auf den Einbruch des BIP zurückzuführen. Heute haben wir eine ähnlich hohe Schuldenquote.

Schuldenquote auf hohem Niveau

Quellen: Federal Reserve, Bureau of Economic Analyses, MeasuringWorth.com; Stand: 16.09.2016

US-Schuldenquote in Relation zum Wohlstand

Diese Relation war in den Jahren von 1928 bis 1945 recht hoch. Mitte der 70er Jahre fiel die Relation auf ein Tief und befindet sich seither im Seitwärtstrend.

Schuldenquote in Relation zum Wohlstand

Quellen: Federal Reserve, Bureau of Economic Analyses, MeasuringWorth.com; Stand: 16.09.2016

1

1 Carmen M. Reinhart, Vincent R. Reinhart, Kenneth S. Rogoff: Debt Overhangs: Past And Present. NBER Working Paper No. 18015, April 2012

2

2 Thomas Herdon, Michael Ash, Robert Pollin: Does High Public Debt Consistently Stifle Economic Growth? A Critique of Reinhart and Rogoff, April 2013

Verwandte Einträge

23.02.2018 New Chart of the week

Chart of the week

Die Bewertung des S&P 500 ist ausgereizt. Jetzt müssen steigende Gewinne her

16.02.2018 Chart of the week

Chart of the Week

Konjunkturoptimismus treibt derzeit Rentenmärkte stärker als Inflationsangst.

13.02.2018 CIO Flash

Wir bleiben konstruktiv

Unsere Ziele für Dezember 2018, leicht angepasst.

09.02.2018 Aktien

Deutsche Aktien – was sonst?

Mit der Korrektur sind deutsche Aktien noch attraktiver geworden.

09.02.2018 Chart of the week

Chart of the week

Zurück zu alten Normalzuständen

07.02.2018 Makro-Ausblick

"Niedrig und langsam" – vorerst

Warum sich niedrige Arbeitslosigkeit nach wie vor auf Löhne und Preise auswirkt

06.02.2018 CIO Flash

Ein Stück mehr Normalität

Starker Jahresauftakt und Inflationssorgen lösen Korrektur aus. Wir bleiben optimistisch.

06.02.2018 Investment-Ampeln

Investmentampeln

Unsere taktische und strategische Sicht

26.01.2018 Chart of the week

Chart of the Week

US-Gewinnprognosen starten stark ins Jahr 2018

19.01.2018 Chart of the week

Chart of the week

Unsere Präferenz für deutsche Aktien, erklärt anhand des Dax Kursindexes

05.01.2018 Investment-Ampeln

Investmentampeln

Unsere taktische und strategische Sicht

22.12.2017 Makro-Ausblick

Bitte kein Bit-Coin

So genial die Idee, so offen seine Zukunft. Die liegt eben doch in Staatshand.

20.12.2017

CIO View in Kürze

Marktausblick 2018

15.12.2017 Chart of the week

Chart of the week

Staatsanleihen sind langweilig? Von Wegen!

08.12.2017 Chart of the week

Chart of the Week

Keine Angst vor einer flachen US-Renditekurve

07.12.2017 Fokus

Wann endet der Bullenmarkt?

Droht nach der langen Bergfahrt jetzt eine größere Korrektur?

07.12.2017 Anleihen

Auch bei Renten geht noch was

Unternehmens- und Schwellenländeranleihen in 2018 bevorzugt.

07.12.2017 Prognosen

Unsere Prognosen

Alle Prognosen auf einen Blick

Feedback

Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Artikel oder zur aktuellen Seite.